Schöneweide – oder doch schweine öde?

Seit März 2016 ist Berlin mein neues Zuhause. Genauer gesagt Schöneweide. Oder wie die Nachbarn aus anderen Bezirken auch gerne sagen: Schweineöde. Dabei ziehen sich bei mir aber kaum mehr die Mundwinkel hoch. Denn Schöneweide ist alles, nur nicht öde.

Der augenscheinlichste Grund ist: die Architektur. Schöneweide war vor dem Krieg und zu DDR-Zeiten eines der wichtigsten industriellen Zentren in Berlin. Die AEG oder das Kabelwerk Oberspree hatten großen Anteil an der Elektrifizierung der Stadt und des Landes. Davon zeugen noch heute die markanten gelbgeklinkerten Industriebauten entlang der Spree. Im Industriesalon Schöneweide kann mit Zeitzeugen und Ausstellungsstücken sowie bei regelmäßigen Führungen in die Vergangenheit eingetaucht werden. Inzwischen haben auch Film- und Fernsehschaffende das Potenzial entdeckt: Serien wie „Babylon Berlin“ oder „Berlin Station“ dient Schöneweide mit seiner besonderen Optik und einem der letzten noch funktionierenden Paternoster in Berlin als Kulisse.

In einige dieser imposanten Gebäude ist vor mehreren Jahren die Zukunft in Form der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW eingezogen. Dort wird unter anderem an der klimagerechten Energieversorgung geforscht. Mehrere Tausend Studenten bevölkern inzwischen den Kiez – über die Versorgung mit Spätis, Döner- oder trendigen Burger-Läden muss sich also niemand mehr Sorgen machen. Ein kleiner Geheimtipp: Der Lecker Burger in der Wilhelminenhofstraße 83 – 85 macht aus meiner Sicht den besten Burger der Stadt. Hausgemacht und gentechnik-frei. Wem anschließend nach noch mehr kultureller Abwechslung ist: Die Wuhlheide, die Alte Försterei oder das Funkhaus Nalepastraße sind nur einen Katzensprung entfernt.

Natürlich gibt es auch Probleme im Kiez-Leben zwischen Vergangenheit und Zukunft. Positive Nachrichten gibt es zum Thema Abendgestaltung: Eine echte Bar oder Kneipe für ein entspanntes Feierabendbier gibt es inzwischen. Dafür muss man nicht mehr das dauernervende Klingeln der Spielautomaten in den Ohren in Kauf nehmen. Auch der S-Bahnhof Schöneweide ist keine Augenweide. Die Nahverkehrsanbindung mit mehreren S-Bahnen und Trams ist zwar sehr gut. Doch die Renovierungsarbeiten am Gebäude werden sich noch mehrere Jahre hinziehen – so lange wird der Bahnhof wohl weiter vor sich hin verfallen und ein Unterschlupf für die Gestrandeten bleiben.

Aber was mir an Schöneweide auch gefällt: Es ist spürbar, dass viele sich dafür interessieren, den Kiez schöner zu machen. Egal ob beim Kampf um die Freigabe des kompletten Uferwegs entlang der Spree oder gegen die auch im Bezirk drohende Gentrifizierung. Deswegen ist Schöneweide alles – nur nicht öde.

Und hier gibt es noch ein paar bildliche Eindrücke:

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